Sollte man ein besondere Eigenschaft des Chores nennen, so muß man seinen Klang erwähnen. Der kraftvolle, körperhafte und ausdrucksstarke Klang, wie ihn in seiner Unmittelbarkeit die „Capella Nova München" bietet, dürfte in dieser Form sicherlich einmalig sein. Erreicht wird das durch ein spezielles Stimmbildungskonzept, das die Unverwechselbarkeit des „Capella-Nova-Sounds" gewährleistet.

 

Grundlage dieses Konzeptes ist der Gedanke, die Idee der klanglichen Homogenität durch die gleiche Singweise aller Chormitglieder zu verwirklichen. Dies berührt den Bereich der Gesangstechnik. Der besondere Umstand, dass der Chorleiter auch gleichzeitig ausgebildeter Stimmbildner ist, erweist sich hier als Glücksfall. In ausführlichen Einsingen, Stimmbildungstagen und einer speziellen Integration von Stimmbildungselementen in die Probenarbeit kann gewährleistet werden, dass alle Ensemblemitglieder in der selben  Singtechnik aus- oder weitergebildet werden. Diese „hauseigene Weiterbildung" erweist sich der Unterweisung durch externe, evtl. sogar mehrere verschiedene Stimmbildner als überlegen.

 

Der Gedanke der Homogenität des Klanges im Chor ist ja als solcher nicht neu. Vielmehr ist die Frage von Interesse, welche Klangvorstellung, welche Klangphilosophie die Basis für diese Homogenität sein soll.  Die Stimme bietet ja ein fast unerschöpfliches Reservoir an Klangmöglichkeiten. Vergleicht man beispielsweise die Klänge von Chören aus unterschiedlichen Ländern, so wird man schnell einen Eindruck von der großen Bandbreite der Klangideale gewinnen. Diese unterschiedlichen Klänge werden natürlich mit verschiedenen Techniken erzeugt und diese wiederum sind Ausdruck unterschiedlicher Denkweisen, unterschiedlicher Traditionen und unterschiedlicher musikalischer Stile.

 

Da eine ausführliche Behandlung den Rahmen dieses Artikels sprengen würde, seien als inhaltliche Gesichtspunkte des Capella-Nova-Klangkonzepts folgende Gedanken skizziert:

Um Stimmtraining wirkungsvoll zu gewährleisten, bedarf es eines Körpertrainings, das den ganzen Körper und den ganzen Menschen im Blickfeld hat. Ausgangspunkt ist die natürliche Funktionsweise des Körpers. Diese muß häufig wieder hergestellt werden, da sich durch alltägliche Bewegungskonventionen oft nur eine eingeschränkte Funktion des Körpers und der Stimme möglich ist.  Mit speziellen Körper-, Atem- und Stimmübungen wird erreicht, daß die Stimme kraftvoll, strahlend und ausdrucksvoll klingen kann.

 

Das Stimmbildungskonzept geht von einem Körper- und Menschenbild aus, das Prozesse wie Atmung, Bewegung oder Tonbildung in ihrer naturgegebenen Form respektiert und nicht, wie man oft beobachten kann, von außen stört. Singen und die Bewegungen des Körpers sind fließende Vorgänge, die sich immer in einem Wechselspiel von Kräften entgegengesetzter Richtungen entfalten. Die Philosophie des Capella-Nova-Klanges ist auf der Basis dieses heraklitischen Gedankens entwickelt und unterscheidet sich stark von den üblicherweise gelehrten Stimmvorstellungen.